Unsere Ortsgruppe

Gründung

In 50en Jahren entschieden sich unsere Landsleute, Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. Ortsgruppe Wolfsburg ins Leben zu rufen. Die Gemeinschaft entwickelte sich zu einem festen Bestandteil im Leben unserer schnell gewonnenen Mitglieder!

Die Enstehungsgeschichte der Ortsgruppe Wolfsburg, zusammenerfaßt von Helmut Kieß

Bereits zu Beginn der 1950. Jahre hatte es sich unter den nach dem II. Weltkrieg in Deutschland gebliebenen Landsleute herumgesprochen, dass es in Deutschland eine Landsmannschaft der Deutschen aus Russland gibt, die damals noch Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler hieß.

1957 kam der damalige Sprecher der Landsmannschaft, Dr. Karl Stumpp, nach Wolfsburg. Ewald Fischer, der 1. Vorsitzender unseren Ortsgruppe, erinnert sich mit Stolz an diese Begegnung da er seine Beitrittserklärung in die Landsmannschaft als erster in Wolfsburg persönlich an Dr. K. Stumpp überreicht hatte.

Nach diesem Besuch versuchten die Teilnehmer der Informationsrunde, die in Wolfsbug und Umgebung lebende Landsleute, aufzusuchen um zu überzeugen der Landsmannschaft beizutreten und sich zu organisieren. In Wolfsburg lebten 1948 etwa 120 Russlanddeutschen Familien. Hr. Fischer hatte einen Roller, mit dem er nach der Arbeit unermüdlich zu den Landsleuten unterwegs war.

Am 15. Oktober 1957 versammelten sich Russlanddeutsche in der Gaststätte „Stadtmitte" in Wolfsburg, um eine Gründung der Wolfsburger Ortsgruppe durchzuführen. Der neu gewählte Vorstand hatte folgende Mitglieder: 1.Vorsitzender Ewald Fischer, Stellvertreter Johannes Ungemach, Geschäftsführer Christian Martin, Kassierer Arthur Zimbelmann, Beisitzer Katharina Schumacher, Rosa Fischer und Anton Philipp.

Am 21. September 1957 wurde die Ortsgruppe Fallersleben gegründet mit dem 1.Vorsitzenden Johann Kieß, Stellvertreter Herr Schell, Kassierer Herr Welter und Beisitzer Frau Wunsch. Die OG Fallersleben wurde nach der Gebietsreform 1972 in die OG. Wolfsburg eingegliedert.

In den ersten Jahren war der Treffpunkt der Ortsgruppe bei Versammlungen und geselligen Abenden, in der Gaststätte „Stadtmitte" an der Goethestraße dann Kleingertenverein Gaststätte „Sonnenschein" und später bis heute im Freizeitheim West, Stadtteil Laagberg.

Die Landsmannschaft war eine sehr wichtige Stütze bei der Familienzusammenführung unserer Landsleute hier in Deutschland und den Familienangehörigen in der Verbannung in Russland.

Nach der Amtszeit von Ewald Fischer bis 1961 wurde die Ortsgruppe Wolfsburg weiter von folgenden Personen geführt:

Christian Martin, 1961-bis 1986;

Richard Matheis, 1986-bis 1992;

Marta Braun, 1992-bis 2008;

Robert Fischer, 2008-bis 2011;

Alexander Rudi, ab 2011

Es gab auch von 1975 – bis 1986 einen Jugendvorstand, der sich für die Belange der jungen Landsleute bei der Integration durch Sport und Musik eingesetzt hat. Der Vorstand wurde zu Beginn von Theo Fichtner und später von Heinrich Zittel geführt. Betreut wurde der Jugendvorstand vom Vorstandsmitglied der Ortsgruppe Rafael Pfeifer. Darüber hinaus war Rafael Pfeifer auch Betreuer der Spätaussiedler im Sportverein 1978 / 79 beim TUS Fallersleben, 1980 / 81 bei SG Wolfsburg und ab 1982 in TSV Ehmen. Die Hauptdisziplin war Fußball. Rafael Pfeifer war als Trainer und Betreuer sehr geschätzt und wurde liebevoll „Papa Rafael" von der Jugend genannt. Aus gesundheitlichen Gründen musste er 2002 das Amt aufgeben. Von der „Altjungen" bekam er zum Abschied, als Dank, eine persönliche Urkunde.

Heute führt den Bereich Sport Alexander Rudi, Tel.: 05361- 76002

Ortsgruppe Wolfsburg hatte auch seit 1972 eine Kontaktstelle für die Betreuung in allen Integrationsfragen der Heimkehrer und Spätaussiedler (z.B. Rentenahngelegenheiten, Klärung der Arbeitsjahre, Anerkennung der Beruflichen Qualifikation und anderes mehr). Der erste Sozialreferent in der Kontaktstelle war Philipp Merkel. In all den Jahren hatten mehrere Personen die Betreuung der Landsleute durchgeführt, wie z.B. Larissa Zimbelmann, Johann Fischer, Alexander Gromut. Heute ist die Kontaktstelle in Westhagen, Integrationszentrum MeiNZ, Dessauer Str. 30B, 38444 Wolfsburg. Für die Mitglieder der Landsmannschaft sind am Montag von 10-bis 12Uhr, jede 1. und 3. Woche des Monats Sprechstunde bei Irene Pfeifer, Tel.:05361-773980

Seit 1983 ist auch ein Chor „der Deutschen aus Russland" in Wolfsburg. Der erste Chorleiter war Erwin Horch. Heute ist als Chorleiter Emanuel Kaufmann und Chorvorsitzender Waldemar Lupp, Tel.:05374-5833.

Aus dem Vorstand der Ortsgruppe Wolfsburg wurde bei der Landesdelegierten Versammlung 1983 Helmut Kieß zum 1.Vorsitzenden der Landesgruppe Niedersachsen gewählt. Das 1.Landestreffen, am 9./10. August 1986 in Nienburg wurde unter seiner Amtszeit organisiert und durchgeführt. Bei diesem Treffen ist auch in Nienburg ein Gedenkstein „Zum Gedenken an die Deutschen in Russland" an der Kreisberufsschule enthüllt und ein Baum gepflanzt.

In der Ortsgruppe Wolfsburg sind einige Mitglieder, die für ihre besondere Verdienste und treue Mitarbeit bei der Landsmannschaft, mit der goldenen Ehrennadel mit Urkunde Ausgezeichnet. Das sind Ewald Fischer, Johann Fischer, Robert Fischer, Helmut Kieß, Alexander Gromut, Rafael Pfeifer und Pastor i.R. Arnulf Baumann.

Die Ortsgruppe Wolfsburg ist heute nach Hannover und Osnabrück die drittgrößte Ortsgruppe in Niedersachsen.

Der heute amtierende Vorstand setzt sich wie folgt zusammen:

Alexander Rudi - 1. Vorsitzender und zuständig für Jugend und Sport,

Heinrich Schwab - Kassenwart , Irene Pfeifer - Schriftführerin und stelv. Kassenwart

Ida Kessler- Kultur, Helena Schwab - Senioren und Mitgliedschaft, Alexander Schlegel und Waldemar Lupp - als Beisitzer.

 



 

 

 

 

 

 

 

 

Helmut Kieß, geb. 1943 in Klein Glückstal/Tjatri, Gebiet Odessa.

 

Familienzusammenführung und Sorge um die Landsleute in der Sowjetunion

standen im Mittelpunkt der Aktivitäten der Landsmannschaft

 

Ich kam 1976 auf dem Weg der Familienzusammenführung mit meinem Vater in die Bundesrepublik Deutschland. Seit 1977 bin ich Mitglied der Landsmannschaft und habe viele Jahre ehrenamtlich in unterschiedlichen Funktionen in der Ortsgruppe Wolfsburg und im Landesvorstand Niedersachsen mitgearbeitet. Die Geschichte der Russlanddeutschen liegt mir sehr am Herzen. Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und das Deutsche Rote Kreuz Suchdienst Hamburg halfen Tausenden Familien, nach 1945 zusammen zu finden, und linderten dadurch zahlreiche Schicksale sowohl in West als auch in Ost.

 

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in der Sowjetunion 1.424.000 Deutsche in überwiegend geschlossenen Siedlungen: An der Wolga (mit einer eigenen deutschen autonomen Sowjetrepublik von 1924 bis 1941), in der Ukraine, im Kaukasus, auf der Krim, in Sibirien sowie kleinere Ansiedlungen bei Leningrad, in Mittelasien und in den Städten.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und dem Überfall der deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 auf die Sowjetunion änderte sich die Lage der Russlanddeutschen schlagartig. Der Erlass des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 stellte zuerst die Wolgadeutschen als „Spione“ und „Diversanten“ unter Verdacht der Kollaboration mit dem Feind und bot eine formale Grundlage zur Deportation. Der Generalverdacht wurde in kurzer Zeit auf alle anderen in der Sowjetunion lebenden Deutschen ausgeweitet. Zum Feind der Sowjetunion erklärt wurden sie innerhalb von wenigen Wochen aus ihren angestammten Gebieten nach Sibirien, Kasachstan und Mittelasien deportiert. 

Die Deutschen mussten ihr Hab und Gut in ihren Heimatsiedlungen zurücklassen, die Familien wurden getrennt. Frauen und Männer ab 16 Jahren wurden in die Arbeitsarmee (Arbeitslager) mobilisiert. Es war die schlimmste Katastrophe der Russlanddeutschen in ihrer gesamten Geschichte im Russischen Reich und der späteren Sowjetunion. Tausende hatten durch unmenschliche Arbeit und Hunger ihr Leben verloren.

Durch den schnellen Vormarsch der deutschen Wehrmacht sind die Russlanddeutsche westlich von Dnjepr der Deportation entgangen, sie kamen unter die deutsche Militärverwaltung. Die Kolchosen wurden aufgelöst, man konnte von Herbst 1941 bis Frühjahr 1944 wieder frei ihrer Arbeit nachgehen. Durch die Offensive der Roten Armee war die Wehrmacht seit 1944 auf dem Rückzug, auch ca. 350.000 Russlanddeutsche mussten die Flucht in Richtung Westen bis nach Deutschland antreten.

Nach Kriegsende 1945 wurden die allermeisten russlanddeutschen Familien, oft durch den Einzug der Männer in die Wehrmacht getrennt, zurück in die Sowjetunion repatriiert – allerdings nicht in ihre ursprüngliche Heimat, wie es von den Sowjets vorgegaukelt wurde, sondern in die Arbeitslager im Hohen Norden, in Sibirien oder Kasachstan, wo schon die deportierten Deutschen seit Jahren Zwangsarbeit verrichten mussten. So hatte auch die Schwarzmeerdeutschen das schwere Schicksal erreicht, nur zum Glück erst vier Jahre später.

Von den ca. 100.000 Russlanddeutschen, die in Deutschland bleiben konnten, war das Schicksal auch sehr ungewiss. Die Sowjets verfolgten eine Strategie der Rückkehr der Russlanddeutschen, und die Alliierten boten auch nicht immer einen Schutz vor der Auslieferung. Viele mussten ihre Herkunft leugnen.

Nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 musste auch die Frage der mehr als 12 Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten des ehemaligen deutschen Reichs geregelt werden. So wurden all diese Flüchtlinge als Vertriebene anerkannt und unter den Lastenausgleich gestellt, um ihnen durch die Teilentschädigung der verlorenen Heimat einen neuen Anfang zu ermöglichen.

Die Russlanddeutschen waren doppelt bestraft. Einerseits war die Angst, an die Sowjetunion ausgeliefert zu werden, allgegenwärtig, und andererseits hatten sie keine geregelte Anerkennung als Vertriebene. So sind ca.30.000 Russlanddeutsche aus der Bundesrepublik nach Kanada, Lateinamerika oder in die USA ausgewandert. Die hier verbliebenen Russlanddeutschen (bis ca. 70.000) waren sich selbst überlassen.

Zum Glück fanden sich Männer und Frauen, die sich dieser Schicksale annahmen. Vor allem waren das Pfarrer Heinrich Römmich, Dr. Gottlieb Leibbrandt, Prof. Dr. Wilfried Schlau, Johannes Schleuning, Dr. Karl Stumpp, Gertrud Braun, um nur einige zu nennen. Am 22. April 1950 lud Pfarrer Heinrich Römmich russlanddeutsche Persönlichkeiten nach Stuttgart ein. Es kamen unter anderem Vertreter der Kirchen: Klemens Kiefel (Katholiken), Gottfried Wessel (Freikirchen), Prof. Benjamin Unruh (Mennoniten). 

Bei dieser Zusammenkunft wurde beschlossen, eine „Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler“ zu gründen. Damit wurde im Grunde die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland gegründet. Der Name „Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler“ wurde als Vorsichtsmaßnahme gewählt, da die Lage der Russlanddeutschen, die sich zu dieser Zeit im Westen befanden, noch keine juristische Legitimation hatte. Erst 1955 wurde die „Arbeitsgemeinschaft der Ostumsiedler“ in „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“ umbenannt.

Schon 1950 wurde auch ein Beschluss gefasst, das Informationsblatt „Volk auf dem Weg“ herauszugeben, um eine breite Masse zu erfassen. Der neugegründete Verein versuchte, sich sowohl für die Rechte unserer Landsleute im Westen einzusetzen, als auch die deutsche Regierung auf die ungerechte Lage der Deutschen in der Sowjetunion, die noch in den Orten ihrer Zwangsarbeit oder den Sondersiedlungen lebten, aufmerksam zu machen.

Eine mühsame Arbeit war, die Landsleute bundesweit zu organisieren. Es wurde eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), Suchdienst Hamburg-Osdorf, und der Heimatortskartei in Stuttgart (Kirchlicher Suchdienst) aufgenommen. So gelang es, mit viel Fingerspitzengefühl das Problem der Russlanddeutschen Schritt für Schritt in die Öffentlichkeit und auf Regierungsebene zu bringen. Durch vielfältiges Engagement erreichte die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland auch, dass unsere Landsleute als Vertriebene anerkannt wurden.

Das Deutsche Rote Kreuz und dessen Suchdienste war eine unermessliche Hilfe bei der Suche nach den getrennten Familien wie in Westen so auch in Osten. Durch die Zusammenarbeit des Deutschen Roten Kreuzes mit dem Russischen Roten Kreuz war die Möglichkeit gegeben, unsere Landsleute auch in den Verbannungsgebieten, Sondersiedlungen und Mobilisierungsorten zu suchen und ausfindig zu machen, auch wenn der Schriftverkehr oft lange dauerte.

Es gab zwar ein Abkommen, die durch den Zweiten Weltkrieg getrennten Familien zu vereinen, die Sowjetunion befolgte das allerdings nur auf dem Papier. Einen wesentlichen Durchbruch brachte der Besuch durch Kanzler Adenauer in Moskau am 13. September 1955. Es wurden diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion aufgenommen, die weitere Schritte ermöglichten.

Die Landmannschaft der Deutschen aus Russland hatte sich mehr vom Besuch erhofft. Die Sowjetführung vertrat aber die Meinung, die Russlanddeutsche sind Sowjetbürger und darüber wird nicht verhandelt. Dennoch fand kurz darauf eine positive Änderung in der Lage der Russlanddeutschen statt. Die Kommandanturaufsicht und das Gesetz „Verbannung auf ewige Zeit“ von 1948 wurden durch den Erlass vom 13. Dezember 1955 aufgehoben.

Auch die Deutschen durften nun ab 16 Jahren einen Pass erhalten und den Verbannungsort freiwillig verlassen – allerdings mit der schmerzlichen Einschränkung: Man durfte nicht in die Heimatorte zurückkehren. So konnten viele aus dem kalten Norden in die wärmeren Gegenden umsiedeln. Viele deutsche Familien zogen nach Mittelasien um, insbesondere nach Kasachstan – dort gab es zu dieser Zeit durch die Erschließung der brachliegenden Steppe zum Agrarland (Neulanderschließung) Arbeit und Brot.

Eines der wichtigsten Anliegen der Landsmannschaft in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war die Sorge um die deportierten Landsleute in der Sowjetunion. Zwar hatte sich die Lage nach Stalins Tod und besonders nach der Aufhebung der Kommandanturaufsicht wesentlich verbessert. Aber sie waren nach wie vor politisch nicht rehabilitiert und hatten auch keine Entschädigung durch Deportation und Enteignung erhalten, kurz gesagt sie blieben Bürger der zweiten Klasse.

Es entstanden unterschiedliche Interessensrichtungen unter den Russlanddeutschen. Ein Teil (hauptsächlich Schwarzmeerdeutsche), die 1945 aus Deutschland nach Russland repatriiert wurden, wollte zurück nach Deutschland. Das war auch das Ziel der Landsmannschaft, die Landsleute auf dem Wege der Familienzusammenführung nach Deutschland zu holen. Dieses Anliegen war auch in der Satzung der Landsmannschaft festgeschrieben. Zur zweiten Interessensrichtung gehörten Russlanddeutsche (mehrheitlich Wolgadeutsche, aber auch Vertreter anderer Siedlungsgebiete), die für Wiederherstellung der deutschen Autonomie bzw. der Wolgarepublik kämpften. Leider blieb auch dieser Kampf (russlanddeutsche Delegationen des Jahres 1965 und spätere) ergebnislos. So blieb schließlich nur eine Möglichkeit – nach Deutschland gehen oder bleiben.

Die ersten Russlanddeutschen, die seit Ende der 1950er Jahre überhaupt auswandern durften, waren repatriierte Schwarzmeerdeutsche, die Familienangehörige in Deutschland hatten. Die Betroffenen in der Sowjetunion trugen sich in die Sammellisten ein, mit der Bitte an die Bundesregierung ihnen die Auswanderung nach Deutschland zu ermöglichen. Unter Lebensgefahr wurden die Sammellisten auf Umwegen der deutschen Botschaft in Moskau überreicht.  

Obwohl es ein offizielles Abkommen über die Familienzusammenführung gab, war eine Ausreiseerlaubnis zu bekommen, kaum möglich. Allein schon einen Antrag zu stellen, war mit unglaublichen Schwierigkeiten verbunden. Man wurde als Verräter bezeichnet, was zum Teil zum Verlust der Arbeitsstelle oder sogar ins Gefängnis führte. Die Genehmigungen über die Auswanderung, wenn überhaupt, wurden willkürlich erteilt. Viele wechselten den Wohnort, um die Ausreise schneller zu erlangen – in den Sowjetrepubliken behandelte man das Problem unterschiedlich. Seit 1955 bis 1987 erhielten nur etwas mehr als 100.000 Personen eine Erlaubnis, in die Bundesrepublik und ca. 5000 Personen in die Deutsche Demokratische Republik auszureisen. Erst nach der Perestroika wurde die Grenze durchlässiger, man konnte endlich ohne Schikanen die Ausreise beantragen.

Sehr viele entschieden sich, nach Deutschland auszuwandern. In den Jahren nach der Perestroika reisten ab 1988 jährlich immer mehr Deutsche aus der Sowjetunion oder später auch aus den Nachfolgestaaten der UdSSR aus, seit Beginn bis in die Mitte der 1990er Jahre bis zu 200.000 pro Jahr.

Durch die große Zahl wurden die Kriterien der Einreise nach Deutschland von der deutschen Regierung erschwert, um den Zuzug zu minimieren. Unter anderem wurden ein Sprachtest eingeführt, der Lastenausgleich abgeschafft und die Rentenkürzungen vorgenommen. Das Letztere traf besonders die, die vor Perestroika kamen und noch im Berufsleben standen. Die Arbeitsjahre, die sie mitbrachten, wurden bis 1992 auf Mark und Pfennig berechnet. Dieser Rentenanspruch wurde leider ab 1996 für nichtig erklärt und neu berechnet, mit geringerer Bewertung, und auf 40 Prozent gekürzt. Das war für diese Personen sehr bitter, insbesondere die bis Perestroika so viele Schwierigkeiten bei der Ausreise hinnehmen mussten. Die waren doppelt bestraft.

 

Mittlerweile leben mehr als 2.5 Millionen Russlanddeutsche in der Bundesrepublik Deutschland. Alle haben sich gut eingelebt und integriert. Ohne die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland wäre das alles nicht möglich. Die Landsmannschaft kämpfte auch unermüdlich für die Voraussetzungen, das „Tor“ nach Deutschland aufzumachen und offen zu halten. So sind und müssen wir der Landsmannschaft unendlich dankbar sein. Auch weiterhin ist es wichtig, unsere Geschichte und kulturelles Erbe aufrecht zu erhalten.

                                                                                                                                                                                                                                                                Helmut Kieß, Wolfsburg

 

Ein Originalschriftverkehr mit dem Suchdienst Hamburg bei der Suche nach Angehörigen, die nach Deutschland ausreisen möchten.

 

Ein Personalbogen für zu Beantragung einer Familienzusammenführung mit den Angehörigen in der Sowjetunion beim DRK-Suchdienst Hamburg